Getreidefeld unter Trockenheitsstress mit resilienten Kulturpflanzen in der deutschen Landwirtschaft
Veröffentlicht am April 17, 2024

Der Wechsel von der Ertragsmaximierung zum strategischen Risikomanagement ist keine Option mehr, sondern die einzige Überlebensstrategie für die Landwirtschaft in Ostdeutschland.

  • Bewährte Weizensorten versagen unter Hitzestress; neue Kulturen wie die Kichererbse erfordern einen durchdachten Ansatz, der die gesamte regionale Wertschöpfungskette berücksichtigt.
  • Intelligente Bodenbewirtschaftung und Diversifizierung (Zwischenfrüchte, Agroforst) bauen einen entscheidenden Wasserpuffer im Boden auf und sind die beste Versicherung gegen einen Totalausfall.

Empfehlung: Analysieren Sie die spezifische Standort-Logik Ihres Betriebs, um die richtige Mischung aus risikomindernden Massnahmen auszuwählen – von der Sortenwahl bis zur nüchternen Bewertung von Beregnungsinvestitionen.

Die Bilder wiederholen sich in Regionen wie Brandenburg und Ostdeutschland mit beunruhigender Regelmässigkeit: Risse im Ackerboden im Mai, junge Pflanzen, die um jeden Tropfen Wasser kämpfen, und der bange Blick zum Himmel. Die Frühjahrstrockenheit ist keine Ausnahmeerscheinung mehr, sondern die neue Normalität. Viele Landwirte reagieren, indem sie auf bewährte Strategien setzen – die Weizensorte, die immer funktioniert hat, oder die Hoffnung auf späten Regen. Doch diese Ansätze stossen zunehmend an ihre Grenzen.

Die Anpassung an den Klimawandel wird oft auf simple Ratschläge wie „trockenheitstolerante Sorten anbauen“ reduziert. Doch die Realität ist komplexer. Es geht nicht nur um Dürre, sondern auch um Hitzewellen, Starkregenereignisse und unvorhersehbare Winter mit Kahlfrösten. Eine echte, zukunftsfähige Strategie erfordert daher einen fundamentalen Wandel in der Denkweise: Weg von der reinen Maximierung des Ertrags in einem guten Jahr, hin zur Minimierung des Risikos eines Totalausfalls. Es geht um die Sicherung der Ertragsstabilität.

Doch was bedeutet das konkret für Ihre Fruchtfolge, Ihre Bodenbearbeitung und Ihre Investitionsentscheidungen? Die Antwort liegt nicht in einer einzigen Wunderlösung, sondern in einem Baukasten intelligenter, aufeinander abgestimmter Massnahmen. Statt auf eine Karte zu setzen, müssen Sie ein widerstandsfähiges System aufbauen, das Wetterextreme abfedern kann. Dieser Artikel ist Ihr strategischer Leitfaden, um genau das zu erreichen. Wir analysieren, welche Kulturen wirklich funktionieren, welche Fehler Sie bei der Bodenbearbeitung unbedingt vermeiden müssen und wann sich teure Investitionen wie eine Beregnung lohnen.

Dieser Leitfaden bietet Ihnen eine detaillierte Analyse der wichtigsten strategischen Anpassungen, die Sie für Ihren Betrieb in Betracht ziehen sollten. Jede Sektion beleuchtet einen kritischen Aspekt, um Ihnen zu helfen, informierte und zukunftssichere Entscheidungen zu treffen.

Warum Ihre bewährte Weizensorte bei 35°C Hitzestress versagt

Jeder Betrieb hat sie: die eine Weizensorte, die über Jahre hinweg verlässliche Erträge geliefert hat. Sie war der Goldstandard, die sichere Bank in der Fruchtfolge. Doch die Klimaerwärmung verändert die Spielregeln fundamental. Es ist nicht mehr nur die reine Trockenheit, die den Pflanzen zusetzt, sondern vor allem die kurzen, intensiven Hitzewellen über 30°C während der kritischen Kornfüllungsphase. Genau hier versagen viele traditionelle, auf Maximalertrag gezüchtete Sorten. Ihre Genetik ist darauf optimiert, unter idealen Bedingungen viele Doppelzentner zu liefern, aber nicht darauf, bei Hitzestress die Photosynthese aufrechtzuerhalten. Das Resultat sind Notreife und enttäuschende Erträge.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Aktuelle Schätzungen für Brandenburg zeigen einen Ertragsrückgang bei Getreide von rund 13% für 2024, primär bedingt durch die Trockenheit. Das alte Ziel, den bundesweiten Durchschnittsertrag von rund 75 Dezitonnen pro Hektar zu erreichen, wird zur Illusion, wenn die klimatischen Grundlagen wegbrechen. Die strategische Konsequenz ist, dass Ertragspotenzial an zweiter Stelle stehen muss, hinter der Stresstoleranz. Es ist wirtschaftlich sinnvoller, eine Sorte zu wählen, die in neun von zehn Jahren einen stabilen, wenn auch nicht maximalen Ertrag liefert, als eine, die nur in einem perfekten Jahr Spitzenwerte erreicht.

Praktische Versuche untermauern dies. Die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen empfiehlt für trocken- und hitzestressgefährdete Standorte gezielt frühe, begrannte Sorten wie Complice oder Chevignon. Diese Sorten zeigen unter extremen Bedingungen eine bessere Anpassungsfähigkeit. Die Versuche verdeutlichten auch das Risiko: Wegen hohem Krankheitsdruck fielen die Erträge in einigen Regionen 2024 um 30-40% geringer aus als im Vorjahr – ein klares Signal, dass die alten Sicherheiten nicht mehr gelten.

Soja oder Kichererbse: Welche Exoten funktionieren nördlich der Alpen wirklich?

Angesichts der Probleme mit traditionellen Kulturen richtet sich der Blick vieler Landwirte auf Alternativen. Kulturen aus wärmeren, trockeneren Klimazonen wie Soja, Kichererbsen oder Linsen rücken in den Fokus. Doch der Anbau dieser „Exoten“ ist kein Selbstläufer und erfordert eine kühle, strategische Bewertung. Es reicht nicht, dass eine Pflanze mit Trockenheit umgehen kann; sie muss in die gesamte betriebliche und regionale Wertschöpfungskette passen. Die entscheidende Frage ist nicht nur „Kann ich das anbauen?“, sondern „Kann ich das profitabel vermarkten?“.

Soja zum Beispiel hat sich in Deutschland bereits etabliert, wenn auch in einer Nische. Mit einer Anbaufläche von rund 45.000 Hektar im Jahr 2023 wird die steigende Nachfrage nach heimischem, gentechnikfreiem Eiweiss bedient. Die Herausforderung liegt jedoch in der Verarbeitungskapazität, die sich stark auf Süddeutschland konzentriert, was für Betriebe in Brandenburg logistische Hürden schafft.

Vielversprechender für Nordostdeutschland könnte die Kichererbse sein. Sie ist an trockene Bedingungen hervorragend angepasst. Hier wird Pionierarbeit geleistet, wie das Projekt „Kichererbsen-Ring Nordostdeutschland“ zeigt. Koordiniert vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF), arbeiten hier etwa 20 Landwirte mit Verarbeitern und Handel zusammen, um eine regionale Wertschöpfungskette für den Raum Berlin-Brandenburg aufzubauen. Dies ist der entscheidende Punkt: Ohne Abnehmer und Aufbereitungsstrukturen vor Ort bleibt der Anbau ein hohes Risiko.

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über den aktuellen Stand einiger aussichtsreicher Leguminosen in Deutschland und zeigt, dass die Entscheidung für eine Nischenkultur weit über die reine Anbautechnik hinausgeht.

Vermarktungsstatus ausgewählter Leguminosen in Deutschland
Kultur Anbaufläche Deutschland Vermarktungsstatus Haupthürden
Soja ~50.000 ha (2023) Etabliert, aber Nischenmarkt Verarbeitungskapazität in Süddeutschland konzentriert
Kichererbse Wachsend (Brandenburg-Fokus) Nischenkultur, regionale Wertschöpfungsketten im Aufbau Fehlende Erfahrung mit standortangepassten Sorten, Aufbereitungsstrukturen
Linsen ~2.000 ha (2024) Nische, primär ökologisch Aufwändige Ernte, niedriger Ertrag
Erbsen Wachsend Zunehmend etabliert Erntemenge 2025: >440.000 Tonnen (Verdopplung in 10 Jahren)

Wie diversifizieren Sie Ihre Fruchtfolge, um das Totalausfallrisiko zu halbieren?

Die Konzentration auf nur zwei oder drei Hauptkulturen, wie Weizen, Raps und Mais, hat sich in der Vergangenheit bewährt, wird aber in der neuen Klimanormalität zu einem unkalkulierbaren Risiko. Ein einziger extremer Wetterverlauf – sei es eine lange Dürre oder ein spätes Frostereignis – kann einen erheblichen Teil des Jahresumsatzes vernichten. Die strategische Antwort darauf ist eine bewusste Diversifizierung der Fruchtfolge. Dabei geht es nicht darum, willkürlich neue Kulturen hinzuzufügen, sondern einen durchdachten Mix zu schaffen, der als ökologischer und ökonomischer Risikopuffer fungiert.

Das Grundprinzip ist einfach, aber wirkungsvoll, wie Experten von Oekolandbau.de betonen:

Je breiter das Spektrum aus Arten und Sorten, desto grösser ist die Chance, dass auch Pflanzen dabei sind, denen die jeweils auftretende Extremsituation nichts ausmachen.

– Oekolandbau.de, Wie kann die Landwirtschaft die Folgen der Klimakrise bewältigen?

Eine entscheidende Rolle spielen dabei Zwischenfrüchte. Oft herrscht die Sorge, dass Zwischenfrüchte der nachfolgenden Hauptkultur wertvolles Wasser entziehen. Doch diese Befürchtung ist in den meisten Fällen unbegründet. Im Gegenteil: Ein gut etablierter Zwischenfruchtbestand verbessert die Bodenstruktur, erhöht die Wasserinfiltrationsrate bei Starkregen und schützt die Bodenoberfläche vor Verdunstung. Langjährige Versuche zeigen, dass es selbst in Trockenjahren keine negative Ertragsreaktion auf die Hauptkultur gibt. Bei Zuckerrüben wurden sogar tendenziell höhere Erträge nach Zwischenfruchtanbau beobachtet. Eine vielfältige Mischung, wie im Bild zu sehen, fördert zudem das Bodenleben und die Humusbildung, was die Wasserspeicherkapazität langfristig erhöht.

Eine diversifizierte Fruchtfolge streut das Risiko, indem sie Kulturen mit unterschiedlichen Ansprüchen und Entwicklungszyklen kombiniert. So kann beispielsweise der Anbau von Sommerungen (wie Sonnenblumen oder Erbsen) neben Winterungen (wie Raps oder Weizen) das Risiko verteilen. Fällt die Frühjahrstrockenheit extrem aus, leidet vielleicht die Winterung, aber die Sommerung hat noch eine Chance. Diese Standort-Logik macht den Betrieb als Ganzes widerstandsfähiger.

Wann lohnt sich der Einstieg in die Beregnung bei klassischen Ackerkulturen?

Wenn das Wasser von oben ausbleibt, scheint die Lösung naheliegend: Es künstlich auf den Acker bringen. Doch der Einstieg in die Beregnung ist eine der kapitalintensivsten Entscheidungen, die ein Landwirt treffen kann. Es ist keine einfache technische Aufrüstung, sondern ein tiefgreifender strategischer Schritt, der eine eiskalte betriebswirtschaftliche Kalkulation und die Überwindung erheblicher bürokratischer Hürden erfordert. Die Frage ist nicht nur „Brauche ich Wasser?“, sondern „Kann ich es mir leisten und darf ich es überhaupt nutzen?“.

Zunächst zu den Kosten: Nach Berechnungen der Landwirtschaftskammer Niedersachsen liegen die Investitionskosten für die Technik bei 1.500 bis 2.500 € pro Hektar. Dazu kommen variable Kosten für Energie und Wasser. Diese amortisieren sich nur bei Kulturen mit hoher Wertschöpfung wie Kartoffeln oder Zuckerrüben. Bei klassischem Getreide ist die Wirtschaftlichkeit oft nur in extremen Trockenjahren gegeben, was die Kalkulation zu einem Vabanquespiel macht. Man investiert in eine Versicherung, deren Prämie sehr hoch ist.

Die noch grössere Hürde ist oft das Wasserrecht. Die Genehmigung zur Wasserentnahme aus einem Brunnen oder Oberflächengewässer ist in trockenen Regionen wie Brandenburg ein langwieriger und unsicherer Prozess. Die Behörden prüfen genau, welche Auswirkungen die Entnahme auf den regionalen Wasserhaushalt und geschützte Gebiete hat. Bevor auch nur ein Tropfen Wasser fliesst, steht ein komplexes Genehmigungsverfahren an. Die folgende Checkliste gibt einen Überblick über die notwendigen Schritte.

Ihr Fahrplan zur Beregnungsgenehmigung: Die wichtigsten Schritte

  1. Erstkontakt: Vereinbaren Sie einen persönlichen Termin bei der unteren Wasserbehörde (Landkreis), um das Vorhaben vorzustellen und grundsätzliche Möglichkeiten zu klären.
  2. Vorhaben beschreiben: Erstellen Sie eine detaillierte Beschreibung mit geplantem Beregnungszeitraum, Flächenangaben und Kulturen.
  3. Bedarf berechnen: Lassen Sie den Wasserbedarf professionell, z.B. durch die Landwirtschaftskammer, nach offiziellem Merkblatt berechnen.
  4. Kartenmaterial erstellen: Fertigen Sie Lagepläne an, die zu beregnende Flächen, geplante Brunnenstandorte und schützenswerte Landschaftselemente ausweisen.
  5. Gutachten einholen: Reichen Sie ein hydrogeologisches Gutachten oder zumindest eine Berechnung des Absenkungstrichters des geplanten Brunnens ein.

Diese Schritte zeigen, dass die Entscheidung für die Beregnung weit über eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung hinausgeht und eine langfristige strategische Planung erfordert.

Der Fehler in der Bodenbearbeitung, der Ihre wertvollen Winterwasservorräte verdunsten lässt

Über den Winter sammelt sich im Boden ein kostbarer Schatz: Wasser aus Niederschlägen. Diese Bodenfeuchte ist das Startkapital für die Vegetation im Frühjahr und oft entscheidend für das Überleben der Kulturen während der ersten Trockenphasen. Einer der grössten strategischen Fehler, den Landwirte auf trockenen Standorten machen können, ist die Zerstörung dieses Wasservorrates durch eine zu intensive oder falsch getimte Bodenbearbeitung im Frühjahr. Jeder zusätzliche Arbeitsgang mit dem Grubber oder der Kreiselegge, der den Boden lockert und durchlüftet, wirkt wie ein Föhn: Er bricht die feinen Wasserkanäle (Kapillaren) und lässt wertvolle Feuchtigkeit ungenutzt an die Atmosphäre verdunsten.

Die Devise für trockene Standorte muss daher lauten: So wenig Bodenbewegung wie möglich, so viel wie nötig. Dieses Prinzip wird von Experten untermauert, wie das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL) klarstellt:

Grundsätzlich gilt: Je weniger der Boden bearbeitet wird, umso weniger Wasser geht verloren. Verfahren wie Mulchsaat oder Direktsaat und Strip Till gelten daher unstrittig als besonders wassersparend.

– Praxis-Agrar (BZL), Anpassungen an Trockenheit im Ackerbau

Die Umstellung auf pfluglose Verfahren ist nicht nur eine Massnahme zur Wasserkonservierung, sondern auch ein aktiver Beitrag zum Humusaufbau. Ein humusreicher Boden kann mehr Wasser speichern und ist widerstandsfähiger gegen Erosion. Dieser positive Nebeneffekt rückt zunehmend in den Fokus, da durch gezielte Massnahmen wie reduzierte Bodenbearbeitung und den Anbau von Zwischenfrüchten Landwirte sogar am Zertifikatehandel teilnehmen können. Das sogenannte Carbon Farming ermöglicht eine Vergütung für den Aufbau von Humus im Boden und schafft so einen zusätzlichen wirtschaftlichen Anreiz, die Wasserbilanz des eigenen Betriebs zu verbessern.

Der Schlüssel liegt darin, die Winterfeuchte als das wertvollste Gut zu betrachten und jede Bodenbearbeitungsmassnahme kritisch daraufhin zu überprüfen, ob sie wirklich notwendig ist oder ob sie mehr Wasser kostet als sie nützt. Eine flache Saatbettbereitung direkt vor der Aussaat ist oft die bessere Strategie als eine intensive Bearbeitung Wochen im Voraus.

Das Risiko der Auswinterung: Welche Sorten überleben Kahlfröste am sichersten?

Die Anpassung an den Klimawandel bedeutet nicht nur, sich auf Hitze und Dürre vorzubereiten. Eine ebenso grosse, aber oft unterschätzte Gefahr sind milde Winter, die abrupt von scharfen Frostperioden ohne schützende Schneedecke unterbrochen werden. Dieses Phänomen, bekannt als Kahlfrost, ist Gift für Winterungen wie Raps und Getreide. Die Pflanzen haben aufgrund der milden Temperaturen ihre Winterhärte nicht voll ausgebildet, der Boden ist ungeschützt und der Frost kann tief eindringen und die Pflanzenwurzeln schädigen oder die Pflanzen regelrecht aus dem Boden heben.

Dieses Risiko wird durch den Klimawandel eher grösser als kleiner. Wie Experten bestätigen, erhöhen mildere Winter mit weniger Schneedecke die Gefahr von schweren Schäden durch plötzliche Kahlfröste. Die Wahl der richtigen Sorte wird damit zu einer weiteren Dimension des Risikomanagements. Es reicht nicht, eine Sorte nur nach ihrem Ertragspotenzial oder ihrer Trockentoleranz auszuwählen; auch ihre Winterhärte muss in die Bewertung einfliessen, insbesondere auf exponierten Lagen oder leichten Böden, die schneller durchfrieren.

Die Sortenwahl sollte daher ein mehrdimensionales Puzzle sein. Informationen aus den Landessortenversuchen sind hierbei eine unverzichtbare Entscheidungsgrundlage. Sie testen nicht nur Ertrag und Krankheitsresistenzen, sondern bewerten auch die Winterhärte unter realen Bedingungen. So zeigen die Versuche der Landwirtschaftskammer beispielsweise, dass eine Sorte wie Revolver (C) eine gute Winterhärte in Mittel- und Höhenlagen aufweist und sich somit als robuster Futterweizen für risikoreichere Standorte eignet. Die Investition in eine Sorte mit einer nachgewiesen hohen Winterhärte ist eine weitere Versicherungspolice gegen einen Totalausfall.

Für den Landwirt bedeutet das, die Sortenbeschreibungen und Versuchsergebnisse noch genauer zu studieren und nicht nur auf den beworbenen Spitzenertrag zu schauen. Die Fähigkeit einer Sorte, einen unberechenbaren Winter zu überleben, kann am Ende wirtschaftlich entscheidender sein als ein paar zusätzliche Dezitonnen in einem perfekten Jahr.

Der unterschätzte Wind: Wie verhindern Sie das „Verwehen“ Ihrer Saat auf Sandböden?

Auf den leichten, sandigen Böden Brandenburgs und anderer Teile Ostdeutschlands gibt es einen weiteren Feind, der oft unterschätzt wird: der Wind. Starke Winde im Frühjahr können frisch gesäte Kulturen wie Mais oder Zuckerrüben buchstäblich aus dem Boden wehen (Winderosion) und zu erheblichen Schäden führen, die eine teure Nachsaat erforderlich machen. Gleichzeitig trocknet der stetige Wind die oberste Bodenschicht massiv aus und verstärkt die Effekte der Frühjahrstrockenheit. Der Schutz vor Wind ist daher nicht nur eine Frage des Erosionsschutzes, sondern auch eine zentrale Massnahme zur Verbesserung der Wasserbilanz des Ackers.

Kurzfristige Massnahmen wie eine raue Ackerfurche können helfen, sind aber oft nicht ausreichend. Eine langfristige und hochwirksame strategische Lösung ist die Etablierung von Agroforstsystemen. Dabei werden gezielt Baum- oder Strauchreihen in die Ackerflächen integriert, die als natürliche Windbremsen fungieren. Diese Hecken und Baumstreifen reduzieren die Windgeschwindigkeit auf dem Feld signifikant, was die Verdunstung senkt, die Bodentemperatur ausgleicht und die Taubildung fördert. Das so entstehende verbesserte Mikroklima kommt den Feldfrüchten direkt zugute.

Forschungsergebnisse untermauern die Vorteile: Es zeigt sich, dass Agroforstsysteme Trockenperioden besser überstehen können und durch das verbesserte Mikroklima die Verdunstung reduzieren. Zwar bedeutet die Anlage solcher Systeme eine anfängliche Investition und den Verlust einer kleinen Ackerfläche, doch die langfristigen Vorteile überwiegen oft. Die Bäume können zusätzlich Holz produzieren oder Lebensraum für Nützlinge bieten, was die biologische Vielfalt auf dem Betrieb erhöht und ihn resilienter macht.

Die Integration von Windschutzhecken ist ein Paradebeispiel für eine standortangepasste Lösung. Während sie auf schweren Lehmböden weniger relevant sein mögen, sind sie auf den sandigen, winderosionsgefährdeten Böden Ostdeutschlands ein entscheidender Baustein für eine zukunftsfähige und ertragsstabile Landwirtschaft. Sie sind der sichtbare Ausdruck einer Landwirtschaft, die nicht gegen die Natur arbeitet, sondern ihre Elemente klug nutzt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Priorisieren Sie Ertragsstabilität über Maximalertrag: Eine Sorte, die in 9 von 10 Jahren einen sicheren Ertrag liefert, ist wertvoller als eine Hochleistungssorte, die nur in perfekten Jahren glänzt.
  • Betrachten Sie die Wasserbilanz Ihres Bodens als Ihr wertvollstes Kapital: Jede Massnahme, von der Bodenbearbeitung bis zur Zwischenfrucht, muss darauf abzielen, die Winterfeuchte zu erhalten und die Wasseraufnahme zu maximieren.
  • Diversifizierung ist Ihre beste Versicherung: Eine breitere Fruchtfolge mit unterschiedlichen Kulturen und Sorten ist der effektivste und kostengünstigste Weg, das Risiko eines Totalausfalls zu minimieren.

Warum Sie bei der Sortenwahl heute mehr auf Trockentoleranz als auf Doppelzentner achten müssen

Die jährliche Erntebilanz des Deutschen Bauernverbandes zeichnet ein klares Bild: Der Trend bei den Getreideerträgen zeigt nach unten. Der Verband berichtet, dass die Ernte 2024 mit voraussichtlich 39,3 Millionen Tonnen Getreide die wichtige 40-Millionen-Tonnen-Marke erneut verfehlen wird. Dies ist kein einmaliger Ausrutscher, sondern die Fortsetzung eines zehnjährigen Abwärtstrends, der massgeblich von Wetterextremen getrieben ist. Diese Entwicklung zwingt zu einem fundamentalen Umdenken bei einer der wichtigsten betrieblichen Entscheidungen des Jahres: der Sortenwahl.

Die Jagd nach dem letzten „Doppelzentner“ pro Hektar, die jahrzehntelang die Züchtung und den Anbau dominierte, wird in trockenen Lagen zur risikoreichen Wette. Die neue Währung heisst Ertragsstabilität. Es geht darum, Sorten zu finden, die nicht unter idealen Bedingungen Höchstleistungen bringen, sondern die unter Stressbedingungen – sei es Hitze, Trockenheit oder Kahlfrost – nicht komplett zusammenbrechen. Eine Sorte, die verlässlich einen soliden Basisertrag sichert, ist wirtschaftlich wertvoller als eine Hochleistungssorte, deren Ertrag in schwierigen Jahren ins Bodenlose fällt.

Dieser Paradigmenwechsel erfordert eine vielschichtigere Betrachtung bei der Auswahl. Wie die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen treffend zusammenfasst, geht es um ein Gesamtpaket:

Bei der Sortenwahl sollten neben der reinen Ertragsleistung stets auch die Standfestigkeit, die Blatt- und Ährengesundheit und gegebenenfalls bestimmte vermarktungsrelevante Qualitätseigenschaften beachtet werden.

– Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, Landessortenversuche Winterweizen 2024

Für Landwirte in Ostdeutschland bedeutet dies, die Prioritäten neu zu ordnen. Anstatt die Sorte mit dem höchsten ausgewiesenen Ertragspotenzial zu wählen, sollte der Blick auf die Stresstoleranz-Einstufungen, die Winterhärte und die Ergebnisse aus regionalen Landessortenversuchen gerichtet werden. Die Entscheidung für eine trockenheitstolerante Sorte ist keine Kapitulation, sondern eine kluge, unternehmerische Entscheidung zur Risikominimierung.

Beginnen Sie noch heute mit der strategischen Neubewertung Ihres Betriebs. Analysieren Sie Ihre standortspezifischen Risiken und Potenziale, um die richtigen Weichen für eine profitable Zukunft in der neuen Klimanormalität zu stellen.

Geschrieben von Markus Hofer, Markus Hofer hält einen Masterabschluss in Pflanzenbauwissenschaften und verfügt über 14 Jahre Erfahrung als Versuchstechniker und Anbauberater. Er ist Experte für pfluglose Bodenbearbeitung, Zwischenfruchtanbau und integrierten Pflanzenschutz. Sein Ansatz verbindet Ertragssicherung mit nachhaltigem Humusaufbau.