Landwirt überblickt Getreidefeld und trifft strategische Verkaufsentscheidungen
Veröffentlicht am März 12, 2024

Der Schlüssel zu profitabler Getreidevermarktung liegt nicht darin, den Höchstpreis zu erraten, sondern die Tiefstpreise systematisch zu vermeiden.

  • Ein diversifiziertes Portfolio aus Vorverträgen, Börsenabsicherung und strategischer Lagerung glättet Preisschwankungen und minimiert Risiken.
  • Eine genaue Kostenkalkulation für Lagerung, Zinsen und Schwund ist entscheidend, um die tatsächliche Rentabilität jeder Massnahme zu bestimmen.

Empfehlung: Bauen Sie Ihre Vermarktung in Tranchen über das Jahr verteilt auf, um das Risiko zu streuen und Ihre Liquidität zu schonen.

Der Mähdrescher läuft auf Hochtouren, die Silos füllen sich – und das Telefon klingelt. Der Landhandel fragt nach, die Preise sind, wie so oft zur Ernte, unter Druck. Jetzt verkaufen und einen sicheren, aber niedrigen Preis akzeptieren? Alles einlagern und auf steigende Kurse hoffen, dabei aber Kosten und Risiken in Kauf nehmen? Oder hatten Sie bereits einen Vorvertrag abgeschlossen und müssen nun bangen, die Menge auch wirklich liefern zu können? Dieses Dilemma kennt jeder Getreideanbauer in Deutschland. Die meisten Ratgeber predigen einfache Lösungen: „Warte auf das Frühjahr“ oder „Sichere alles vorab ab“.

Doch die Realität an den Agrarmärkten ist komplexer. Extreme Wetterereignisse, geopolitische Spannungen und schwankende Nachfrage machen eine einzige, starre Strategie zu einem Glücksspiel. Was aber, wenn die wahre Kunst nicht in der einen richtigen Entscheidung liegt, sondern im Aufbau eines flexiblen Systems, das Risiken minimiert und Chancen systematisch nutzt? Der Ansatz eines professionellen Händlers ist es, nicht auf eine Karte zu setzen, sondern ein strategisches Risikoportfolio aufzubauen. Es geht nicht darum, den Markt zu schlagen, sondern ihn beherrschbar zu machen.

Dieser Artikel führt Sie durch die Werkzeuge, die Ihnen dafür zur Verfügung stehen. Wir analysieren die Fallstricke von Vorverträgen bei Ernteausfällen, tauchen in die Mechanismen der Preisabsicherung an der Warenterminbörse ein und beleuchten die knallharten Fakten der Lagerkosten. Sie lernen, wie Sie Ihre Verhandlungsposition beim Landhandel stärken und welche Vorteile eine Vermarktungsgemeinschaft wirklich bietet. Das Ziel ist es, Ihnen eine Entscheidungsarchitektur an die Hand zu geben, mit der Sie Ihre Vermarktung aktiv steuern, statt nur auf den Markt zu reagieren.

Um diese komplexen Aspekte der Getreidevermarktung strukturiert zu beleuchten, haben wir die entscheidenden Fragen in acht Kernbereiche gegliedert. Der folgende Überblick dient Ihnen als Leitfaden durch die strategischen Bausteine für Ihren wirtschaftlichen Erfolg.

Was tun, wenn Sie die im Vorvertrag verkaufte Menge wegen Dürre nicht ernten?

Ein Vorvertrag scheint die ideale Lösung: Preis und Menge sind fixiert, die Planungssicherheit ist hoch. Doch was passiert, wenn die Natur einen Strich durch die Rechnung macht? Ein Dürresommer, Hagel oder Starkregen können die Ernte drastisch reduzieren. Plötzlich stehen Sie vor dem Problem, eine vertraglich zugesicherte Menge nicht liefern zu können. Dies ist kein theoretisches Risiko. Der Dürresommer 2018 hat vielen deutschen Landwirten drastisch vor Augen geführt, wie schnell Ernteprognosen zur Makulatur werden können. Damals kam es in einigen Regionen zu bis zu 70 Prozent Ertragseinbussen, was viele Betriebe an den Rand ihrer Existenz brachte.

In einem solchen Fall ist der erste und wichtigste Schritt, sofort und proaktiv mit Ihrem Vertragspartner – meist dem Landhandel – zu kommunizieren. Offenheit und Transparenz sind hier entscheidend. Dokumentieren Sie den Ernteausfall so gut wie möglich, beispielsweise durch Fotos, Aufzeichnungen oder Bestätigungen von Dritten. Juristisch entscheidend ist die Klausel zur „Höheren Gewalt“ (Vis Major) in Ihrem Vertrag, die typischerweise in den Einheitsbedingungen im deutschen Getreidehandel verankert ist. Diese Klausel kann Sie von der Lieferpflicht befreien, wenn unvorhersehbare und unabwendbare Ereignisse wie extreme Witterung die Erfüllung unmöglich machen. Melden Sie einen solchen Fall unverzüglich und schriftlich an Ihren Partner. Einigen sich die Parteien nicht, kann eine Schiedsstelle angerufen werden. Die Lehre daraus ist, Vorverträge nur für einen Teil der erwarteten Erntemenge (z.B. 50-70%) abzuschliessen, um ein Puffer für Ertragsschwankungen zu haben. Ergänzend sind Mehrgefahrenversicherungen ein essenzieller Baustein im Risikomanagement.

Fallstudie: Der Dürresommer 2018 und seine Folgen für Vertragslandwirte

Im extremen Dürresommer 2018 stellte das Bundeslandwirtschaftsministerium 340 Millionen Euro Soforthilfe für betroffene Landwirte bereit, da viele ihre Lieferverpflichtungen aus Vorverträgen nicht erfüllen konnten. In besonders stark betroffenen Gebieten führte die Dürre zu massiven Ertragseinbussen, was die Existenzen bedrohte, da laufende Betriebskosten weiterliefen. Dieser Fall unterstreicht die immense Bedeutung von Vertragsklauseln zur Höheren Gewalt in den deutschen Einheitsbedingungen und die Notwendigkeit, das Vertragsrisiko durch Versicherungen und eine gestaffelte Vermarktung zu begrenzen.

Das Verständnis der rechtlichen Rahmenbedingungen Ihres Vorvertrags ist somit kein Detail, sondern ein zentraler Pfeiler Ihrer Vermarktungsstrategie.

Wie sichern Sie Ihre Ernte über Warenterminbörsen gegen Preisverfall ab?

Die Warenterminbörse, allen voran die MATIF in Paris, wirkt auf viele Landwirte wie ein kompliziertes Instrument für Spekulanten. Richtig eingesetzt, ist sie jedoch das genaue Gegenteil: eine Versicherung gegen fallende Preise. Das Prinzip des „Hedgings“ besteht darin, eine Position am physischen Markt (Ihre Ernte auf dem Feld) durch eine entgegengesetzte Position am Terminmarkt auszugleichen. Konkret bedeutet das: Sie verkaufen heute einen Weizen-Future-Kontrakt an der Börse zu einem festen Preis für eine Lieferung in der Zukunft. Fällt der reale Weizenpreis bis zur Ernte, machen Sie zwar beim Verkauf Ihres physischen Getreides weniger Gewinn, gleichen diesen Verlust aber durch den Gewinn aus Ihrer Future-Position aus, die Sie mit einem günstigeren Rückkauf glattstellen. Steigt der Preis hingegen, entsteht ein Verlust am Terminmarkt, der aber durch den höheren Erlös für Ihr reales Getreide kompensiert wird. Das Ziel ist nicht die Gewinnmaximierung, sondern die Preissicherung und damit die Kalkulationssicherheit für Ihren Betrieb.

Der Schlüssel zum erfolgreichen Hedging liegt im Basis-Management. Die „Basis“ ist die Differenz zwischen dem Börsenkurs an der MATIF und dem Preis, den Ihr lokaler Landhändler oder Hafen (z.B. Hamburg, Mannheim) zahlt. Diese Differenz unterliegt regionalen Schwankungen. Ein erfolgreicher Hedger sichert nicht nur den Börsenpreis, sondern kalkuliert auch die zu erwartende Basis mit ein, um seinen tatsächlichen Erzeugerpreis zu ermitteln. Die Absicherung an der Börse ist ein mächtiges Werkzeug, erfordert aber eine genaue Kenntnis der eigenen Produktionskosten und eine ausreichende Liquidität für mögliche Nachschussforderungen (Margin Calls), falls die Preise stark steigen.

  1. Produktionskosten kennen: Ermitteln Sie Ihre Vollkosten pro Tonne. Das ist Ihr Mindestpreis.
  2. Börsenkonto eröffnen: Dies ist bei vielen deutschen Banken (z.B. Volks- und Raiffeisenbanken) oder spezialisierten Brokern möglich.
  3. Basis-Differenz ermitteln: Analysieren Sie den regionalen Preisauf- oder -abschlag im Vergleich zum MATIF-Kurs.
  4. Future-Kontrakt verkaufen: Wenn der Börsenkurs abzüglich der erwarteten Basis Ihre Kosten deckt und einen Gewinn ermöglicht, verkaufen Sie einen Kontrakt (Standardgrösse an der MATIF: 50 Tonnen).
  5. Position glattstellen: Wenn Sie Ihr physisches Getreide verkaufen, kaufen Sie den Future-Kontrakt an der Börse zurück. Die Differenz aus Verkauf und Rückkauf ist Ihr Ergebnis aus der Absicherung.
  6. Liquidität sicherstellen: Planen Sie einen finanziellen Puffer für Margin Calls ein.

Die Absicherung über die Börse ist ein integraler Bestandteil eines modernen Risikoportfolios, das Sie unabhängiger von der reinen Hoffnung auf gute Preise macht.

Wie verhindern Sie ungerechtfertigte Abzüge bei Feuchte und Besatz beim Landhandel?

Die Freude über einen guten Preis kann schnell getrübt werden, wenn die Abrechnung des Landhändlers kommt. Abzüge für zu hohe Feuchtigkeit, zu viel Besatz (Fremdbestandteile) oder zu geringes Hektolitergewicht können den Erlös empfindlich schmälern. Das Problem: Die Messungen sind oft eine Blackbox. Als Landwirt liefern Sie Ihre Ware ab und müssen auf die Korrektheit der Analyse im Labor des Abnehmers vertrauen. Doch wie praktische Vergleichsmessungen belegen, können Differenzen von 1 bis 2 Prozentpunkten bei der Feuchtemessung zwischen verschiedenen Annahmestellen auftreten. Bei einer grossen Partie Getreide kann das einen signifikanten finanziellen Unterschied ausmachen.

Um Ihre Position zu stärken, gibt es mehrere Hebel. Der wichtigste ist die eigene Probenahme und Analyse. Ziehen Sie bei der Verladung eine repräsentative Rückstellprobe (am besten mit einem Zeugen) und lassen Sie diese von einem geeichten oder kalibrierten Messgerät analysieren. So haben Sie einen eigenen Referenzwert. Notieren Sie diesen Wert auf dem Lieferschein. Bei grösseren Abweichungen zur Analyse des Händlers haben Sie eine fundierte Grundlage für eine Reklamation. Fordern Sie zudem immer eine detaillierte Abrechnung an, die alle Abzüge transparent auflistet. Die Konditionen und Umrechnungsfaktoren, insbesondere der Schwundfaktor bei der Trocknung, sollten bereits im Vorfeld geklärt sein. Ein informierter und gut vorbereiteter Landwirt ist ein besserer Verhandlungspartner.

Die folgende Tabelle fasst marktübliche Werte für die Abrechnung zusammen, wie sie von Beratungsstellen wie dem Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen empfohlen werden. Diese dienen Ihnen als Referenz, um die Abrechnung Ihres Handelspartners zu überprüfen.

Typische Schwundfaktoren und Abzüge bei Getreide
Parameter Empfohlener Wert Berechnungsbeispiel Anmerkung
Schwundfaktor (Weizen, Triticale, Roggen) max. 1,3 (bis 16% Feuchte) (Anfangsfeuchte – Basisfeuchte) × 1,3 Nach Duvalscher Gleichung
Schwundfaktor (Raps) max. 1,3 (bis 16% Feuchte) (10,5% – 9,0%) × 1,3 = 1,95% Gewichtsverlust Prinzipiell gleich wie Getreide
Basisfeuchte Weizen 14,5% – 15,0% Marktüblicher Standard
Basisfeuchte Raps 9,0% Ölmühlenbedingungen
Analysekosten Getreide 0,40 EUR/t Marktüblich pro Partie
Analysekosten Raps 0,40 – 1,00 EUR/t Je nach Landhändler

Die Kontrolle der Abrechnung ist kein Misstrauensvotum, sondern kaufmännische Sorgfalt, die direkt Ihren Gewinn beeinflusst.

Lohnt sich der Anschluss an eine Vermarktungsgemeinschaft für bessere Konditionen?

Alleine ist man stark, gemeinsam ist man stärker – dieses Sprichwort trifft auf die Getreidevermarktung in besonderem Masse zu. Als einzelner Landwirt haben Sie oft nur eine begrenzte Verhandlungsmacht gegenüber grossen Landhandelskonzernen oder Mühlen. Eine Erzeugergemeinschaft (EG) oder Vermarktungsgemeinschaft bündelt das Angebot vieler einzelner Betriebe zu einer grösseren, marktrelevanten Menge. Dies verbessert die Verhandlungsposition fundamental und eröffnet Zugang zu besseren Konditionen.

Wie Wikipedia treffend zusammenfasst, ist das Ziel einer solchen Gemeinschaft klar definiert:

Erzeugergemeinschaften bündeln ihre Produktion und Vermarktung, um Qualität, Planungssicherheit, Preise und Verhandlungsmacht zu verbessern.

– Wikipedia, Artikel zu Erzeugergemeinschaften

Der entscheidende Vorteil, insbesondere für anerkannte Erzeugerorganisationen in Deutschland, liegt jedoch in einem juristischen Detail von enormer Tragweite. Wie die Landwirtschaftskammer Niedersachsen erklärt, ermöglicht der Zusammenschluss eine weitgehende Befreiung vom Kartellverbot. Das bedeutet, dass die Mitglieder legal Preis- und Mengenabsprachen treffen dürfen – ein Privileg, das einzelnen, unverbundenen Betrieben strikt untersagt ist. Dies erlaubt der Gemeinschaft, als geeinter Block aufzutreten und Preise durchzusetzen, die für einen einzelnen Betrieb unerreichbar wären.

Natürlich bedeutet ein Anschluss an eine EG auch einen Teilverlust der unternehmerischen Freiheit. Vermarktungsentscheidungen werden vom Management der Gemeinschaft getroffen, und es können Andienungspflichten bestehen. Die Vorteile überwiegen jedoch oft: Neben besseren Preisen profitieren Mitglieder von professionellem Markt-Know-how, gemeinsamer Logistik und der Möglichkeit, auch grössere Kontrakte mit der Industrie oder Exporteuren direkt zu bedienen. Die Entscheidung für oder gegen eine EG ist eine strategische Abwägung zwischen individueller Flexibilität und kollektiver Marktmacht.

Ab welchem Preisaufschlag lohnt sich die Einlagerung bis zum Frühjahr wirklich?

Die Hoffnung ist ein ständiger Begleiter in der Landwirtschaft: die Hoffnung auf bessere Preise nach der Ernte. Die Strategie, Getreide einzulagern und auf das „Frühjahrshoch“ zu warten, ist weit verbreitet. Doch diese Hoffnung kann teuer werden, wenn sie nicht auf einer kühlen Kalkulation beruht. Die Einlagerung ist niemals kostenlos. Die entscheidende Frage lautet daher nicht „Steigt der Preis?“, sondern „Steigt der Preis stark genug, um alle Lagerkosten zu decken und einen zusätzlichen Gewinn zu erwirtschaften?“.

Viele Landwirte unterschätzen die wahren Kosten der Lagerung. Es geht weit über die Abschreibung der Halle hinaus. Der grösste Posten sind oft die Zinskosten für gebundenes Kapital. Das Geld, das in Ihrem eingelagerten Getreide steckt, könnte alternativ auf der Bank Zinsen erwirtschaften oder zur Tilgung von Krediten genutzt werden. Hinzu kommen Energiekosten für Belüftung und Kühlung, Versicherungsprämien, der unvermeidliche Lagerschwund durch Atmung und Trocknung sowie Kosten für den Vorratsschutz. Nur wenn der erwartete Preisaufschlag all diese Positionen übersteigt, ist die Lagerung ein profitables Geschäft. Andernfalls subventionieren Sie den Markt mit Ihrem eigenen Geld.

Checkliste zur Kostenkalkulation: Lohnt sich die Lagerung?

  1. Zinskosten für gebundenes Kapital: Berechnen Sie die Opportunitätskosten auf Basis des aktuellen deutschen Leitzinses für den Wert des nicht verkauften Getreides.
  2. Energiekosten für Belüftung/Kühlung: Erfassen Sie die tatsächlichen kWh-Kosten basierend auf Ihren Strompreisen und der prognostizierten Belüftungsdauer.
  3. Versicherungsprämien: Kalkulieren Sie die anteiligen Kosten der Versicherung gegen Feuer, Diebstahl und Elementarschäden für die Lagerperiode.
  4. Lagerschwund: Rechnen Sie realistisch mit einem natürlichen Gewichtsverlust von 0,2% – 0,5% durch Atmung, Trocknung und Umschlag.
  5. Kosten für Schädlingsbekämpfung: Berücksichtigen Sie Ausgaben für Kieselgur, Nützlinge oder andere Vorratsschutzmassnahmen.

Wenn Sie beispielsweise Gesamtlagerkosten von 1,50 € pro Tonne und Monat ermitteln, muss der Weizenpreis über einen Zeitraum von sechs Monaten um mindestens 9 €/t steigen, nur um die Kosten zu decken. Jeder Euro darüber ist Ihr Gewinn. Eine genaue Kalkulation ist die einzige Möglichkeit, eine emotionale Hoffnung in eine fundierte Geschäftsentscheidung zu verwandeln.

Soja und Getreide vorab sichern oder tagesaktuell kaufen: Was schont die Liquidität?

Für Veredlungsbetriebe stellt sich die Vermarktungsfrage von der anderen Seite: Wann ist der beste Zeitpunkt, Futtermittel wie Sojaschrot oder Getreide einzukaufen? Die gleichen Prinzipien des Risikomanagements gelten auch hier. Alles auf eine Karte zu setzen und die gesamte Jahresmenge an einem einzigen Tag zu kaufen, ist hochriskant. Fällt der Preis danach, haben Sie zu teuer eingekauft. Warten Sie zu lange und die Preise explodieren, gefährdet das Ihre Rentabilität. Auch hier ist ein gestaffeltes Vorgehen der Schlüssel zum Erfolg. Laut einer Umfrage kaufen nur rund 11 Prozent der Landwirte in Deutschland ihre Futtermittel direkt vom Hersteller, was auf eine starke Abhängigkeit vom Landhandel und dessen Preisgestaltung hindeutet.

Ein strukturierter Einkaufsplan, oft als Tranchen-Modell bezeichnet, kann das Preisrisiko glätten und die Liquidität schonen. Statt einer grossen Investition tätigen Sie mehrere kleinere Käufe über das Jahr verteilt. Dies führt zu einem geglätteten Durchschnittspreis und vermeidet, dass Sie versehentlich am Preishochpunkt kaufen. Eine solche Strategie erfordert Disziplin und eine klare Planung, schützt aber vor bösen Überraschungen und sorgt für eine stabilere Kostenbasis.

Das folgende Tranchen-Modell, wie es beispielsweise von Fachmagazinen wie top agrar vorgestellt wird, dient als exzellente Vorlage für einen strategischen Futtereinkauf. Es diversifiziert das Einkaufsrisiko über Zeit und verschiedene Instrumente.

Tranchen-Modell für strategischen Futtereinkauf
Strategie-Anteil Prozent der Jahresmenge Zeitpunkt Vorteil Nachteil
Vorvertrag 30% Vor der Ernte Planungssicherheit, fester Preis Kein Profitieren von Preisrückgängen
Gestaffelte Quartals-Käufe 40% Laufend über das Jahr Preisglättung, Flexibilität Verwaltungsaufwand
Tagesaktuell 30% Bei günstigen Marktbedingungen Marktchancen nutzen, kurzfristige Liquidität schonen Preisrisiko, höhere Marktbeobachtung nötig

Dieses Modell lässt sich flexibel an die eigene Risikobereitschaft und Marktmeinung anpassen. Wer mehr Sicherheit sucht, erhöht den Vorvertragsanteil. Wer stärker an fallende Preise glaubt, hält einen grösseren Anteil für tagesaktuelle Käufe zurück. Entscheidend ist, eine bewusste Strategie zu haben, statt aus dem Bauch heraus zu agieren.

Wie stabilisieren Sie Getreide mit 16% Feuchte für die kurzfristige Pufferung?

Die Ernte ist ein logistischer Kraftakt. Nicht immer läuft alles nach Plan. Ein plötzlicher Regenschauer, ein Engpass bei der Trocknungsanlage oder eine volle Annahmestelle beim Landhandel können dazu führen, dass Getreide mit einer leicht erhöhten Feuchte von beispielsweise 16% zwischengelagert werden muss. Bei dieser Feuchte ist das Getreide nicht lagerstabil; Schimmelpilze und Verderb drohen innerhalb kurzer Zeit. Eine sofortige Trocknung wäre ideal, ist aber nicht immer möglich. Für diese kurzfristige Pufferung gibt es eine effektive Methode: die Konservierung mit Propionsäure.

Propionsäure ist ein in Deutschland zugelassenes Konservierungsmittel, das das Wachstum von Schimmelpilzen und Hefen hemmt und das Getreide für einige Wochen stabilisiert. Es wird beim Einlagern in das Getreide gemischt und ermöglicht es, Erntespitzen zu brechen und die Trocknungs- oder Verkaufsprozesse zu entzerren. Dies verschafft wertvolle Zeit und Flexibilität. Die Methode ist besonders dann wirtschaftlich, wenn die Kosten für die Säurebehandlung unter den potenziellen Kosten für sofortige Trocknung (hohe Energiepreise) oder Qualitätsverlusten liegen.

Kosten-Nutzen-Analyse: Propionsäure zur Getreidekonservierung

In der deutschen Landwirtschaft wird Propionsäure eingesetzt, um Getreide mit erhöhter Feuchte (bis 16%) kurzfristig zu stabilisieren. Die korrekte Dosierung liegt typischerweise bei 0,5-1,0% der Getreidemenge. Eine Kosten-Nutzen-Analyse zeigt, dass bei 16% Feuchte und 100 Tonnen Getreide die Konservierungskosten bei ca. 500-1.000 EUR liegen. Die Alternative – sofortige Trocknung – kann je nach aktuellen Energiepreisen deutlich höhere Kosten verursachen. Ein wichtiger Punkt ist jedoch, dass mit Säure konserviertes Getreide in der Regel nur zur eigenen Verfütterung im Betrieb verwendet werden darf und innerhalb weniger Wochen verbraucht werden muss, da es nicht mehr für alle Märkte (z.B. Mahlweizen) geeignet ist.

Die Stabilisierung ist somit ein wertvolles Werkzeug im operativen Risikomanagement, das hilft, die logistischen Herausforderungen der Ernte zu meistern und Qualitätsverluste zu vermeiden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Portfolio-Ansatz statt Alles-oder-Nichts: Streuen Sie Ihre Vermarktung über verschiedene Instrumente (Vorvertrag, Börse, Lager) und Zeitpunkte, um das Risiko zu minimieren.
  • Kennen Sie Ihre Zahlen: Die exakte Kenntnis Ihrer Produktions- und Lagerkosten ist die unerlässliche Grundlage für jede profitable Vermarktungsentscheidung.
  • Risikomanagement vor Gewinnmaximierung: Das primäre Ziel ist nicht, den absoluten Höchstpreis zu erzielen, sondern die ruinösen Tiefstpreise der Erntezeit sicher zu umschiffen.

Wie schützen Sie 500 Tonnen Weizen vor dem Kornkäfer ohne chemische Begasung?

Die Entscheidung zur Einlagerung ist getroffen, die Kosten sind kalkuliert. Nun beginnt eine neue Phase des Risikomanagements: der Schutz des wertvollen Ernteguts vor Schädlingen. Der Kornkäfer ist einer der gefürchtetsten Vorratsschädlinge in Deutschland. Ein Befall kann die Qualität drastisch mindern und das Getreide unverkäuflich machen. Während eine chemische Begasung (z.B. mit Phosphin) effektiv ist, ist sie aufwendig, teuer und hinterlässt Rückstände. Zunehmend setzen professionelle Betriebe daher auf einen integrierten Vorratsschutz, der auf präventiven und biologischen Methoden basiert.

Das Fundament jedes erfolgreichen Vorratsschutzes ist peinliche Sauberkeit. Vor der Einlagerung müssen Lagerhalle und Fördertechnik komplett von altem Getreide und Staub gereinigt werden, um Schädlingen den Nährboden zu entziehen. Der zweite entscheidende Faktor ist die Temperatur. Unter 12°C stellen die meisten Schädlinge ihre Entwicklung und Vermehrung ein. Eine konsequente Kühlung des Getreides mittels Belüftung (z.B. in kühlen Nächten) oder spezieller Kühlgeräte ist die wirksamste und rückstandsfreie Methode zur Schädlingskontrolle. Ergänzend hat sich der Einsatz von Kieselgur (Diatomeenerde) bewährt. Das feine Pulver schädigt die schützende Wachsschicht der Käfer und lässt sie austrocknen.

Diese Methoden bilden ein System, das einen Befall von vornherein erschwert. Ein solches Vorgehen, wie es auch vom Julius Kühn-Institut (JKI) empfohlen wird, sichert die Qualität Ihrer Ware und erhält ihren Wert bis zum Verkaufszeitpunkt.

  1. Peinliche Sauberkeit: Reinigen Sie das leere Lager gründlich von allen Getreideresten und Staub, bevor Sie es befüllen.
  2. Kieselgur-Einsatz: Mischen Sie beim Einlagern zugelassene Kieselgur (ca. 0,5-1,0 kg/t) unter das Getreide oder behandeln Sie die Oberfläche.
  3. Kühlung unter 12°C: Nutzen Sie Getreidekühlgeräte oder kalte Aussenluft, um die Temperatur im Lagerstapel dauerhaft niedrig zu halten.
  4. Nützlingseinsatz: Bei einem beginnenden Befall können Lagererzwespen (Lariophagus distinguendus) gezielt ausgesetzt werden, die die Larven des Kornkäfers parasitieren.
  5. Regelmässige Kontrolle: Führen Sie wöchentlich Temperaturmessungen und monatlich Befallskontrollen (z.B. mit Sieben oder Fallen) durch.

Ein durchdachter, integrierter Vorratsschutz ist der letzte, aber entscheidende Baustein, um den Erfolg Ihrer Einlagerungsstrategie bis zum Verkauf sicherzustellen.

Um den Wert Ihrer eingelagerten Ernte zu sichern, ist die konsequente Anwendung dieser Methoden des integrierten Vorratsschutzes unerlässlich.

Beginnen Sie noch heute damit, Ihre Vermarktung nicht als eine Reihe von Einzelentscheidungen, sondern als ein zusammenhängendes, strategisches Portfolio zu betrachten. Nur so können Sie Ihre Erlöse nachhaltig sichern und die Stürme der Agrarmärkte souverän navigieren.

Geschrieben von Stefanie Weber, Stefanie Weber ist diplomierte Agrarökonomin (TU München-Weihenstephan) und seit 12 Jahren in der betriebswirtschaftlichen Beratung tätig. Sie unterstützt Familienbetriebe bei der Hofübergabe, der Umstellung auf Ökolandbau und der Optimierung von Betriebszweigen. Ihr Spezialgebiet ist die lückenlose Dokumentation zur Sicherung von EU-Prämien.