Weizenfeld unter Trockenheit in Deutschland mit Fokus auf dürreresistente Pflanzen
Veröffentlicht am November 12, 2024

Die entscheidende Währung im modernen Ackerbau ist nicht mehr der maximale Ertrag, sondern die Stabilität des Erlöses unter unsicheren Bedingungen.

  • Die Konzentration auf reine Höchstertragssorten wird zur Hochrisikostrategie, da diese bei Hitze- und Trockenstress oft am stärksten einbrechen.
  • Eine strategische Sortenwahl, die Resistenzen, Reifezeiten und Standortanpassung priorisiert, minimiert Risiken und senkt gleichzeitig die Betriebsmittelkosten.

Empfehlung: Analysieren Sie die mehrjährigen, standortspezifischen Landessortenversuche nicht nach dem Spitzenertrag, sondern nach der höchsten Ertragsstabilität und den besten Resistenzeigenschaften für Ihren Betrieb.

Über Jahrzehnte war die Logik im Weizenanbau einfach: Die Sorte mit dem höchsten Ertragspotenzial in den Landessortenversuchen (LSV) versprach den grössten Erfolg. Diese Ära der Ertragsmaximierung neigt sich jedoch dem Ende zu. Angesichts zunehmender Wetterextreme, vor allem wiederkehrender Frühjahrstrockenheit und Hitzewellen während der Kornfüllung, wird das Festhalten an alten Gewissheiten zu einem teuren Risiko. Eine Sorte, die unter optimalen Bedingungen 130 dt/ha verspricht, aber bei 35°C Hitzestress auf 70 dt/ha abstürzt, ist kein Erfolgsgarant mehr, sondern ein unkalkulierbarer Kostenfaktor.

Die Antwort liegt in einem fundamentalen Paradigmenwechsel: weg von der reinen Maximierung der Doppelzentner, hin zur Maximierung der Ertrags- und Erlösstabilität. Es geht nicht mehr nur darum, was eine Sorte im besten Fall leisten kann, sondern darum, was sie im wahrscheinlich gewordenen Stressfall noch sichert. Dieser Wandel erfordert eine neue, strategischere Herangehensweise an die Sortenwahl. Es ist ein aktives Risikomanagement, bei dem agronomische Eigenschaften wie Trockentoleranz, Resistenzen und eine gestaffelte Abreife wichtiger werden als das letzte Quäntchen Ertragspotenzial auf dem Papier.

Dieser Artikel führt Sie durch die entscheidenden Stellschrauben dieser neuen Strategie. Er zeigt Ihnen, wie Sie LSV-Daten neu bewerten, den wahren Wert von Resistenzen kalkulieren und Ihr gesamtes Anbausystem widerstandsfähiger gegen die Herausforderungen des Klimawandels aufstellen. Ziel ist es, nicht nur Ernten zu sichern, sondern die Rentabilität Ihres Betriebs langfristig zu stabilisieren.

Um Ihnen einen klaren Überblick über diese strategischen Anpassungen zu geben, haben wir die wichtigsten Aspekte für eine zukunftsfähige Sortenwahl in den folgenden Kapiteln für Sie aufbereitet.

Wie gewichten Sie die Ergebnisse der LSV für Ihren spezifischen Standort richtig?

Die Landessortenversuche (LSV) bleiben ein zentrales Werkzeug für die Sortenentscheidung, doch ihre Interpretation muss sich ändern. Der Blick allein auf die relative Ertragszahl des Spitzenreiters ist trügerisch. Viel aussagekräftiger ist die Spreizung der Erträge über verschiedene Standorte und Jahre hinweg. Zeigen beispielsweise die Landessortenversuche in Thüringen Erträge von 78 bis 130 dt/ha auf Lössböden, offenbart dies eine enorme standortabhängige Varianz. Eine Sorte, die an vielen Standorten eine stabile Leistung im oberen Mittelfeld zeigt, ist oft die sicherere Wahl als eine „Wundersorte“, die nur an einem einzigen Top-Standort brilliert.

Der Schlüssel liegt in der betriebsindividuellen Eigenschaftsgewichtung. Anstatt den Durchschnittsertrag als Hauptkriterium zu sehen, sollten Sie die Daten durch die Brille Ihrer spezifischen Risiken filtern. Haben Sie leichte Böden, die schnell austrocknen? Dann hat die Trockenstressstabilität einer Sorte oberste Priorität, selbst wenn ihr absoluter Ertrag 5 % unter dem des Spitzenreiters liegt. Kämpfen Sie regelmässig mit Lagerdruck auf schweren, gut versorgten Böden? Dann ist die Standfestigkeit wichtiger als der letzte Prozentpunkt an Ertrag. Es geht darum, die Sorte zu finden, die Ihre betrieblichen Schwachstellen am besten kompensiert.

Die alleinige Betrachtung einjähriger Ergebnisse ist ebenfalls gefährlich, da sie stark von der Witterung des jeweiligen Jahres geprägt sind. Suchen Sie nach Sorten, die über zwei oder drei Jahre hinweg eine konstante Leistung erbracht haben. Diese Ertragsstabilität ist die neue, harte Währung. Sie signalisiert eine breitere genetische Anpassungsfähigkeit und einen verlässlicheren Puffer gegen unvorhersehbare Wetterereignisse. Die folgende Checkliste hilft Ihnen, die LSV-Daten systematisch für Ihren Betrieb zu analysieren.

Ihr Plan zur standortspezifischen LSV-Auswertung

  1. Anbauregion identifizieren: Wählen Sie gezielt die LSV-Ergebnisse für Ihre Region (z. B. Marsch, Sandböden, Lehmböden) aus.
  2. Mehrjährige Daten priorisieren: Prüfen Sie Relativerträge über mindestens 2-3 Jahre, um witterungsbedingte Ausreisser zu eliminieren und die Ertragsstabilität zu bewerten.
  3. Resistenzen nach Risiko gewichten: Bewerten Sie Resistenzeigenschaften (Winterhärte, Fusarium, Blattgesundheit) höher als den reinen Ertrag, basierend auf den typischen Problemen Ihres Standorts.
  4. Bodenart-Eignung prüfen: Bevorzugen Sie auf schweren Böden standfeste Sorten und auf leichten Böden Sorten mit nachgewiesener Trockentoleranz.
  5. N-Effizienz nutzen: Identifizieren Sie unter den Bedingungen der Düngeverordnung die proteinsichersten Sorten mithilfe der N-Effizienz-Daten der LSV.

Lohnt sich die resistente Sorte, wenn ich dafür eine Fungizid-Überfahrt spare?

Die Frage nach der Wirtschaftlichkeit resistenter Sorten wird oft auf einen einfachen Vergleich reduziert: Minderertrag der resistenten Sorte versus Kosten der gesparten Fungizid-Massnahme. Diese Rechnung greift jedoch zu kurz. Der strategische Wert von Resistenzen geht weit über die eingesparten 30-50 €/ha für eine Behandlung hinaus. Er ist ein entscheidender Risikopuffer in einem zunehmend unsicheren regulatorischen und klimatischen Umfeld. Der Pool verfügbarer Pflanzenschutz-Wirkstoffe schrumpft dramatisch, wie der Rückgang von über 70 Prozent seit 1993 zeigt. Sich heute schon unabhängiger von chemischen Lösungen zu machen, ist eine Investition in die zukünftige Handlungsfähigkeit.

Zudem ignoriert die simple Kosten-Nutzen-Rechnung den Faktor Wetter. Eine Fungizid-Massnahme muss zum richtigen Zeitpunkt erfolgen, doch was, wenn genau dann der Boden nicht befahrbar ist oder anhaltender Wind die Applikation unmöglich macht? Eine Sorte mit hoher Blattgesundheit verzeiht solche Verzögerungen und reduziert den Stress für den Betriebsleiter erheblich. Sie sichert ein Grundniveau an Pflanzengesundheit ab, das nicht von der perfekten Terminierung einer Massnahme abhängt.

Praxisbeispiel: Fungizid-Einsparung mit der Sorte INFORMER

Der Landwirt Andreas Scheffrahn von der Dejosch Agrar GbR in Cramme konnte durch den Anbau der B-Weizensorte INFORMER eine komplette Fungizidmassnahme einsparen. Das gesunde Sortenprofil in Kombination mit stabilen Erträgen machte diese Reduktion wirtschaftlich sinnvoll. Ein zusätzlicher Effekt war die starke Unkrautunterdrückung durch den üppigen Blattapparat der Sorte, was weitere Einsparungen im Herbizidbereich ermöglichte und den strategischen Wert der Sortenwahl unterstreicht.

Eine robuste genetische Resistenz, wie sie bei modernen Sorten zu finden ist, schützt die Pflanze von innen heraus und sorgt für ein durchweg gesünderes Blattwerk. Dieses ist die „Solaranlage“ der Pflanze und entscheidend für die Einlagerung von Ertragskomponenten.

Wie dieses Bild zeigt, ermöglicht ein gesunder, assimilationsfähiger Blattapparat eine längere Kornfüllungsphase, was besonders unter Stressbedingungen einen signifikanten Unterschied machen kann. Die Entscheidung für eine resistente Sorte ist also keine reine Sparmassnahme, sondern eine strategische Entscheidung für mehr Klima-Resilienz und betriebliche Flexibilität.

Wie Sie durch unterschiedliche Reifegruppen Ihr Erntefenster entzerren

Das Management von Arbeitsspitzen ist eine der grössten Herausforderungen im Ackerbau, und die Ernte ist die kritischste Phase. Alles auf eine einzige, vielleicht ertragsstarke Sorte zu setzen, bedeutet, das gesamte Betriebsrisiko auf ein enges Zeitfenster von wenigen Tagen zu komprimieren. Kommt es genau dann zu einer Hitzewelle oder einer längeren Regenperiode, sind massive Ertrags- und Qualitätsverluste vorprogrammiert. Die Lösung liegt in der bewussten Staffelung der Abreife durch den Anbau von Sorten aus unterschiedlichen Reifegruppen.

Durch die Kombination von frühen, mittleren und späten Sorten lässt sich das Erntefenster um bis zu drei Wochen strecken. Dies reduziert nicht nur den Stress, sondern optimiert auch die Auslastung der Mähdrescherkapazität. Statt auf gutes Wetter zu hoffen, schafft man sich einen Puffer, um flexibel auf die Bedingungen reagieren zu können. Besonders in trockenen Jahren zeigt sich der Vorteil dieser Strategie, wie Erfahrungen aus der Praxis belegen. Im extrem trockenen Frühjahr 2025 befanden sich frühe Sorten bereits im Ährenschwellen, während spätere Sorten noch in einer weniger sensiblen Entwicklungsphase waren. Dieser zeitliche Versatz verteilte das Risiko von Trockenschäden auf den gesamten Weizenanbau des Betriebs, anstatt es auf einen einzigen Zeitpunkt zu konzentrieren.

Die Wahl der richtigen Mischung aus Reifegruppen hängt von den betrieblichen Gegebenheiten ab. Betriebe mit begrenzter Mähdrescherkapazität oder Standorte mit regelmässigen Juli-Hitzewellen profitieren stark von einem hohen Anteil früher Sorten. Betriebe mit sicherer Wasserversorgung und ohne Zeitdruck für den Zwischenfruchtanbau können das höhere Ertragspotenzial späterer Sorten nutzen. Für die meisten Betriebe ist jedoch eine Mischung die resilienteste Strategie.

Reifegruppen-Mix: Vor- und Nachteile verschiedener Strategien
Strategie Vorteile Nachteile Geeignet für
Nur frühe Sorten Frühe Ernte vor Juli-Hitze; Zeitvorteil für Zwischenfrucht-Etablierung; geringerer Trocknungsbedarf Komprimiertes Erntefenster; höheres Auswinterungsrisiko bei milden Wintern Betriebe mit begrenzter Mähdrescherkapazität; Standorte mit regelmässigen Juli-Hitzewellen
Nur späte Sorten Längere Kornfüllungsphase; oft höheres Ertragspotenzial bei günstiger Witterung Ernterisiko bei Spätsommer-Regen; höhere Trocknungskosten; Verzögerung der Stoppelbearbeitung Standorte mit guter Wasserversorgung bis August; Betriebe ohne Zwischenfruchtanbau
Gemischte Reifegruppen (empfohlen) Entzerrung Erntefenster über 2-3 Wochen; Risikostreuung bei Hitze/Trockenheit; optimale Auslastung Mähdrescherkapazität Komplexere Sortenplanung; unterschiedliche Fungizidtermine Flächenstarke Betriebe; Standorte mit unsicherer Witterung zur Ernte; Betriebe mit eigenem Mähdrescher

E-Weizen oder Massenweizen: Welche Sorte bringt auf Ihrem Boden den höchsten Erlös?

Die Aussicht auf Qualitätszuschläge für E-Weizen ist verlockend. Doch in Zeiten zunehmender Wetterextreme und einer restriktiveren Düngeverordnung wird das Erreichen der geforderten hohen Rohproteingehalte zu einem Glücksspiel. Die späte N-Düngung, die für hohe Proteinwerte entscheidend ist, verpufft oft wirkungslos, wenn der Niederschlag ausbleibt. Das Ergebnis sind nicht nur entgangene Qualitätsprämien, sondern auch unnötige Düngerkosten und eine negative Umweltbilanz. Die bayerischen Landessortenversuche zeigten mit 11,7 Prozent Rohprotein in 2024 einen Wert, der deutlich unter dem langjährigen Schnitt liegt und die Schwierigkeiten verdeutlicht.

Hier kommt die Erlös-Optimierung ins Spiel. Statt auf den maximal möglichen, aber unsicheren E-Weizen-Preis zu spekulieren, kann es strategisch klüger sein, auf einen ertragsstabilen A- oder sogar B-Weizen zu setzen, der auch unter suboptimalen Bedingungen eine verlässliche Qualität und einen hohen Ertrag liefert. Der Deckungsbeitrag eines solchen „Massenweizens“ kann am Ende höher sein als der eines E-Weizens, der die Qualitätsziele verfehlt und als Futterweizen deklassiert werden muss. Es ist die sichere Rendite gegenüber der riskanten Spekulation.

Moderne A-Weizen-Sorten sind züchterisch so weit fortgeschritten, dass sie eine hohe Backqualität mit Ertragsstabilität und Robustheit kombinieren. Sie bieten einen goldenen Mittelweg, der das Risiko minimiert. Wie der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen treffend formuliert, geht es um die Absicherung einer realistischen Qualität.

Auch wenn die Qualitätseigenschaften nicht an die der klassischen E-Weizen heranreichen, kann mit der Sorte auch unter ungünstigeren Bedingungen eine gute und sichere A-Qualität erzielt werden.

– Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen, Ergebnisse der Landessortenversuche Winterweizen 2023/2024

Diese Aussage bringt die neue strategische Ausrichtung auf den Punkt: Es ist profitabler, eine gute A-Qualität sicher zu ernten, als eine exzellente E-Qualität nur anzupeilen und am Ende zu verfehlen. Die Entscheidung zwischen Qualitäts- und Massenweizen ist somit eine betriebsindividuelle Risikoabwägung, die Standort, Düngestrategie und die persönliche Risikobereitschaft berücksichtigen muss.

Das Risiko der Auswinterung: Welche Sorten überleben Kahlfröste am sichersten?

Während Trockenheit und Hitze die Sommer beherrschen, bleibt der Winter eine unberechenbare Grösse. Kahlfröste – also tiefe Temperaturen ohne schützende Schneedecke – stellen eine erhebliche Gefahr für den Weizenbestand dar. Eine schlechte Überwinterung führt zu lückigen Beständen, die nicht nur Ertragspotenzial verlieren, sondern auch stärker von Unkräutern durchwachsen werden. Die Winterfestigkeit einer Sorte ist daher ein nicht zu vernachlässigendes Kriterium für die Ertragsstabilität.

Die Sortenunterschiede in der Winterhärte sind erheblich. In den LSV werden Sorten speziell auf ihre Kältetoleranz geprüft. Es ist ratsam, auf Sorten zu setzen, die über mehrere Jahre hinweg eine gute Winterfestigkeit bewiesen haben. Dies gilt insbesondere für kahlfrostgefährdete Lagen wie Kuppen oder Regionen mit geringer Schneesicherheit. Auf solchen Flächen sollte der Anbau von Sorten mit nur mittlerer oder geringer Winterfestigkeit auf ein Minimum beschränkt werden. Eine bewusste Platzierung der Sorten nach dem standortspezifischen Frostrisiko ist eine einfache, aber wirksame Massnahme des Risikomanagements.

Hier sind einige bewährte und neue Sorten, die in Prüfungen eine gute Winterhärte gezeigt haben:

  • Bewährte winterfeste Sorten: Patras, RGT Reform, Elixer, Apostel und Boss zeigen konstant gute Ergebnisse in speziellen Winterhärte-Tests.
  • Neuere Sorten mit guter Kältetoleranz: Informer, KWS Emerick, Viki und die Hybride Hymalaya schneiden in aktuellen Prüfungen gut ab.

Allerdings ist die Sortenwahl nur die halbe Miete. Die Standortfaktoren, insbesondere die Bodenstruktur, haben oft einen noch grösseren Einfluss auf die Auswinterungsgefahr. Ein schlecht abgesetztes Saatbett oder eine verdichtete Bodenschicht führen zu Staunässe. Das Wasser im Boden gefriert und dehnt sich aus, was die jungen Weizenpflanzen buchstäblich aus dem Boden „hochfriert“ und die Wurzeln abreisst. Eine gute Bodengare mit einer stabilen Krümelstruktur, wie sie durch konservierende Bodenbearbeitung gefördert wird, ist der beste Schutz gegen Auswinterung.

Ein gesunder Boden mit einem tiefreichenden Wurzelsystem, wie im Bild dargestellt, verankert die Pflanze sicher und schützt sie vor den mechanischen Kräften des Frosts. Die Kombination aus einer winterharten Sorte und einer optimalen Bodenstruktur bildet den effektivsten Schutzschild gegen Kahlfröste.

Warum Ihre bewährte Weizensorte bei 35°C Hitzestress versagt

Viele Landwirte halten an Sorten fest, die sich über Jahre bewährt haben. Doch was „bewährt“ ist, definiert sich in Zeiten des Klimawandels neu. Eine Sorte, die vor 10 Jahren zuverlässig hohe Erträge lieferte, kann heute unter den veränderten Bedingungen eine riskante Wahl sein. Der Grund liegt in der zunehmenden Häufigkeit von extremen Hitzetagen über 30°C, insbesondere während der kritischen Phase von Blüte und Kornfüllung. Wie für kommerzielle Weizensorten gezeigt wurde, führen bereits kurze Hochtemperaturepisoden von nur 1 bis 2 Tagen bei 35°C zu erheblichen Ertragsverlusten.

Die biologischen Ursachen dafür sind gravierend. Weizen ist besonders in der Blütezeit von Ende Mai bis Anfang Juni extrem temperaturempfindlich. Steigt die Temperatur in dieser Phase auf über 30 Grad, gerät die Pflanze in Hitzestress. Sie reduziert die Photosynthese drastisch, um Wasser zu sparen, und stösst im Extremfall sogar Blütchen ab. Dies führt direkt zu einer geringeren Kornzahl pro Ähre – einem der wichtigsten Ertragsparameter. Zudem wird die Kornfüllungsphase verkürzt, was zu kleineren Körnern und einem niedrigeren Tausendkorngewicht führt. Der Ertrag bricht auf mehreren Ebenen gleichzeitig ein.

Ältere Sorten wurden in einer Zeit gezüchtet, in der solche Hitzewellen die Ausnahme waren. Ihr genetisches Potenzial ist auf eine lange, kühle Kornfüllungsphase ausgelegt. Sie sind schlichtweg nicht dafür gemacht, bei 35°C noch effizient zu arbeiten. Moderne Züchtungsprogramme legen einen viel stärkeren Fokus auf Hitzetoleranz. Neue Sorten besitzen Mechanismen, die es ihnen ermöglichen, ihre Photosyntheseleistung auch bei höheren Temperaturen länger aufrechtzuerhalten und die Atmungsverluste zu minimieren. Sie sind darauf optimiert, in einem kürzeren Zeitfenster und unter Stressbedingungen noch möglichst viel Assimilate in die Körner einzulagern. Das Festhalten an einer alten, hitzeempfindlichen Sorte aus reiner Gewohnheit ist daher keine Nostalgie, sondern eine bewusste Inkaufnahme eines hohen Ertragsrisikos.

Wie verhindern Sie, dass Ihr wichtigstes Fungizid nächstes Jahr wirkungslos wird?

Die genetische Resistenz von Sorten ist nicht nur ein Schutz vor Krankheiten, sondern auch das wichtigste Werkzeug im Kampf gegen die Entwicklung von Fungizidresistenzen. Der übermässige und einseitige Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf anfälligen Sorten erzeugt einen enormen Selektionsdruck auf die Krankheitserreger. Die Folge: Wirkstoffe, die gestern noch zuverlässig gewirkt haben, zeigen heute deutliche Leistungsschwächen. Die Kosten, die allein durch die Septoria-Blattdürre entstehen, sind immens und werden von Syngenta für Deutschland auf 1,5 Milliarden Euro jährlich geschätzt – ein Betrag, der durch zunehmende Resistenzen weiter steigen wird.

Ein aktuelles Beispiel ist die nachlassende Wirkung von Carboxamiden gegen Braunrost im Weizen. Untersuchungen der Landwirtschaftskammer NRW bestätigten, dass ein starker Befall mit einem Carboxamid allein nicht mehr sicher zu kontrollieren ist. Die Empfehlung lautet, zwingend mit Mischpartnern aus anderen Wirkstoffklassen (z.B. Azole wie Tebuconazol) zu arbeiten, um die Wirkung abzusichern und die Resistenzentwicklung zu verlangsamen. Dies verdeutlicht einen wichtigen Punkt: Resistenzmanagement ist kein passiver Prozess, sondern erfordert aktive Strategien.

Hier spielt die Sortenwahl eine entscheidende Rolle. Der Anbau einer Sorte mit einer hohen Teilresistenz gegen wichtige Krankheiten wie Septoria tritici oder Gelbrost reduziert den Ausgangsbefall im Feld drastisch. Der Infektionsdruck ist von vornherein geringer, was mehrere Vorteile hat:

  • Reduzierter Selektionsdruck: Weniger Erreger bedeuten weniger Chancen für resistente Mutanten, sich durchzusetzen.
  • Grösseres Anwendungsfenster: Der optimale Behandlungszeitpunkt ist weniger kritisch, was die betriebliche Flexibilität erhöht.
  • Wirkungssicherheit: Fungizide wirken auf einen geringeren Ausgangsbefall deutlich besser und zuverlässiger.
  • Möglichkeit zur Reduktion: Auf gesunden Sorten können bei geringem Infektionsdruck Behandlungen oder Wirkstoffe eingespart werden, was Kosten senkt und die Wirkstoffe für die Zukunft schont.

Der Anbau anfälliger Sorten, die den vollen chemischen Einsatz erfordern, beschleunigt den Verlust wertvoller Wirkstoffe für alle. Eine kluge Sortenwahl ist daher nicht nur eine betriebliche, sondern auch eine branchenweite Verantwortung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ertragsstabilität hat Vorrang vor maximalem Ertragspotenzial. Wählen Sie Sorten, die über mehrere Jahre und Standorte hinweg konstante Leistungen zeigen.
  • Resistente Sorten sind eine strategische Investition, die Betriebsmittelkosten senkt, die betriebliche Flexibilität erhöht und die Wirksamkeit von Fungiziden schont.
  • Eine Mischung aus verschiedenen Reifegruppen ist das beste Risikomanagement, um Erntespitzen zu entzerren und das Wetterrisiko zu streuen.

Welche Ackerkulturen sichern Ihren Ertrag, wenn die Frühjahrstrockenheit zur Norm wird?

Die Optimierung des Weizenanbaus ist eine zentrale Säule der Anpassung an den Klimawandel. Doch es gibt einen Punkt, an dem selbst die trockenheitstoleranteste Weizensorte an ihre Grenzen stösst. Wenn extreme Dürreperioden im Frühjahr zur neuen Normalität werden, wie es der Deutsche Wetterdienst mit nur 21 Prozent des üblichen Niederschlags für März 2025 prognostizierte, muss die strategische Planung über den Weizen hinausgehen. Die Diversifizierung der Fruchtfolge mit alternativen, trockenheitstoleranteren Ackerkulturen ist der nächste logische Schritt im Risikomanagement.

Kulturen wie Sorghumhirse oder Körnersoja haben andere Ansprüche an den Vegetationsverlauf und können Trockenphasen zu anderen Zeitpunkten besser überbrücken. Sorghum beispielsweise wird spät gesät und entgeht so der kritischen Frühjahrstrockenheit. Mit seinem tiefen Wurzelsystem kann es Wasser aus Schichten erschliessen, die für den Weizen unerreichbar sind. Körnersoja als Leguminose fixiert nicht nur Stickstoff und verbessert die Bodenfruchtbarkeit, sondern profitiert auch von Sommerniederschlägen, die für den abreifenden Weizen zu spät kämen.

Die Erweiterung der Fruchtfolge dient nicht nur der Risikostreuung im Anbau, sondern schafft auch neue Vermarktungsmöglichkeiten und kann die Bodengesundheit langfristig fördern. Die Entscheidung für oder gegen eine alternative Kultur ist jedoch komplex und muss betriebswirtschaftlich gut durchdacht sein. Der folgende Überblick vergleicht einige interessante Alternativen hinsichtlich ihrer Eignung für deutsche Anbaubedingungen.

Alternative trockentolerante Kulturen für deutsche Fruchtfolgen
Kultur Trockentoleranz Anbaueignung Deutschland Durchschnittlicher Deckungsbeitrag Besonderheiten
Sorghumhirse Sehr hoch Zunehmend in Süd- und Ostdeutschland Mittel bis gut (abhängig von Vermarktung) Tiefes Wurzelsystem; späte Aussaat vermeidet Frühjahrstrockenheit; wärmeliebend
Sommerweizen Mittel Bundesweit etabliert Oft niedriger als Winterweizen Umgehung des Frühjahrstrockenheit-Risikos durch spätere Aussaat; kürzere Vegetationszeit
Körnersoja Mittel bis hoch Ausweitung in wärmeren Regionen Gut bei lokaler Nachfrage Leguminose mit N-Fixierung; profitiert von Sommerniederschlägen; Proteinquelle
Sommergerste Mittel Bundesweit etabliert Stabil Frühe Abreife; bewährte Kultur; gute Marktlage für Braugerste
Körnerleguminosen (Erbse, Ackerbohne) Gering bis mittel Etabliert, aber rückläufig Schwankend Wertvoll für Fruchtfolge und Biodiversität; N-Fixierung; anfällig für Trockenstress zur Blüte

Die Integration dieser Kulturen erfordert Know-how und oft auch Investitionen in neue Technik oder die Erschliessung neuer Märkte. Doch sie ist der ultimative Schritt, um die Resilienz des gesamten Betriebs zu stärken und die Abhängigkeit von einer einzigen, zunehmend risikobehafteten Kultur zu verringern.

Die Anpassung an den Klimawandel ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Beginnen Sie noch heute damit, Ihre Sortenstrategie von einer reinen Ertragsmaximierung auf ein intelligentes Risikomanagement umzustellen, um die Rentabilität Ihres Betriebs für die Zukunft zu sichern.

Geschrieben von Markus Hofer, Markus Hofer hält einen Masterabschluss in Pflanzenbauwissenschaften und verfügt über 14 Jahre Erfahrung als Versuchstechniker und Anbauberater. Er ist Experte für pfluglose Bodenbearbeitung, Zwischenfruchtanbau und integrierten Pflanzenschutz. Sein Ansatz verbindet Ertragssicherung mit nachhaltigem Humusaufbau.